Seniorenbrief 5

Oliver Cromwells Sekretär war einmal in wichtigen Angelegenheiten auf dem Festland unterwegs. Als er in einer Hafenstadt übernachtete, wälzte er sich auf seinem Bett hin und her und konnte nicht schlafen.

Wie es damals üblich war, nächtigte ein Diener in seinem Zimmer, der einen gesegneten Schlaf zu haben schien. Nach einiger Zeit weckte der Sekretär den Diener und beklagte sich über seine Schlaflosigkeit: „Ich mache mir solche Sorgen darüber, dass wir mit unseren Plänen scheitern könnten.“

„Mein Herr“, sagte der Diener,“ darf ich Euch ein oder zwei Fragen stellen?“
„Aber gewiss.“
„Herrschte Gott über die Welt, bevor wir geboren wurden?“
„Mit Sicherheit.“
„Und wird er über sie herrschen, nachdem wir gestorben sind?“
„Natürlich wird er das.“
„Mein Herr, warum überlassen wir ihm dann nicht auch die Gegenwart?“

Durch diese Worte seines Dieners wurde das Gottvertrauen des Sekretärs neu geweckt. Er kam innerlich zur Ruhe und wenige Minuten später fielen er und sein Diener in einen Tiefen Schaf.

Schlaflos im Bett sich drehen, vor lauter Sorgen nicht einschlafen können und die Gedanken nicht zur Ruhe zu bringen. Wer kennt das nicht? Und wer hatte nicht solche Nächte in der letzten Zeit?

Seit ich meinen letzten Brief geschrieben habe, hat sich nun aber einiges verändert. Von Woche zu Woche gibt es Lockerungen – Läden haben wieder geöffnet, man darf wieder zum Frisör, unsere Eisdielen verkaufen wieder Eis und wir können uns zumindest in kleineren Grüppchen wieder treffen. Aber immer noch gibt es dieses Virus und die die Angst davor, es könnte alles wieder von vorne beginnen. Bislang sieht es verhältnismäßig gut aus. Wir sind bislang glimpflich davongekommen, ganz anders als in Italien oder über dem Rhein, im Elsass. Die Maßnahmen scheinen erfolgreich gewesen zu sein, und das ist gewiss ein Grund zu danken. Auch trotz der Öffnungen gibt es keinen größeren Anstieg der Neuerkrankungen. Und doch: Die Angst davor wird uns vermutlich erhalten bleiben, zumindest noch eine ganze Weile.

Und jetzt komm ich nochmal auf die Worte des Dieners aus der kleinen Geschichte vom Anfang zurück: „Herrschte Gott über die Welt, bevor wir geboren wurden? Und wird er über sie herrschen, nachdem wir gestorben sind? Warum also überlassen wir ihm dann nicht auch die Gegenwart?“

Welch ein bestechender Gedanke – aber wie schwer, das auch umzusetzen! Wie soll das denn gehen, die sorgenvollen Gedanken einfach abzuschalten, das was uns bedrückt zur Seite zu schieben und einfach nicht mehr dran zu denken? Nein, wirklich, das geht nicht! Das wussten die Menschen schon zu allen Zeiten, auch die, die vor fast 3000 Jahren gelebt haben, wie König David in Israel. Woher wissen wir davon? Von König David soll der 37 Psalm unserer Bibel stammen. Ihm ist in seinem Leben auch mancherlei Sorgenvolles auf der Seele gelegen und er hatte reichlich Gelegenheit, sich schlaflos im Bett zu drehen. Er wusste nur zu genau, dass man seine Sorgen so leicht nicht los wird. Aber er hat uns einen Tipp gegeben, eine Möglichkeit, mit diesen Sorgen umzugehen. In Psalm 37, Vers 5 lesen wir dazu: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. Diese Möglichkeit, die ist uns bis heute gegeben. Einfach nicht mehr dran denken, das funktioniert nicht! Aber abgeben, die sorgenvollen Gedanken Gott anbefehlen, sie ihm hinlegen in der Hoffnung, dass er es wohl, also richtig und gut, machen wird, das gilt bis heute. Das durfte der gute Sekretär des Herrn Cromwell erleben und auch wir dürfen das erfahren.

Und wenn Ihr dann nimmer noch nicht einschlafen können, dann nehmt Euch doch Euer Gesangbuch raus, Dort findet Ihr unter der Nummer 361 das bekannte Lied von Paul Gerhardt, das er mit Hilfe dieses Bibelverses aus Psalm 37 gedichtet hat. Denn jeder der 12 Liedverse beginnt mit einem Wort von Psalm 37,5, von „Befiehl du deine Wege…“  bis zum „Mach End, o Herr, mach Ende…“  Bis heute ist dieses Lied unendlich viele Male zum Trostwort geworden, das manchen schon wieder hat Schlaf finden lassen. Probierts mal aus!

Unsere Konfirmanden, die Euch allen ja seit Wochen immer die Briefe austragen, die hatten den Wunsch geäußert, Euch auch selbst etwas Gutes zu tun. Das ist Gemeinde, wenn Ihr Senioren unseren Konfis so am Herzen liegt! Sie hatten nun den Gedanken, kleine Teelichte zu verzieren. Die sollen Euch, zusammen mit ihren lieben Grüßen, nun ein Wenig Licht und Hoffnung schenken. Und ich wurde angewiesen, Euch unbedingt zu sagen, dass Ihr die Lichte (sicher in einem Glas aufgestellt) auch anzünden sollt und solange brennen lassen bis sie flüssig sind. Denn nur dann könnt Ihr die Botschaft lesen, die sie für Euch da mit hineingepackt haben. Also: Stellt die Lichte in ein kleines Glas und schaut immer wieder mal vorsichtig nach, was Euch unsere Konfis zusprechen wollen!

„Herrschte Gott über die Welt, bevor wir geboren wurden? Und wird er über sie herrschen, nachdem wir gestorben sind?“ Darum dürfen wir ihm getrost auch unsere Gegenwart überlassen. Darum: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen.


Nach langen Wochen, in denen unser Gemeindeleben fast völlig zum Erliegen gekommen ist, kann ich Euch heute ankündigen. Am Pfingstsonntag beginnen wir wieder, miteinander und in unserer Kirche in Neuenburg um 10 Uhr Gottesdienste zu feiern. Noch haben wir dafür eine ganze Reihe von Auflagen zu erfüllen. Wir müssen zum Beispiel auch im Sitzen voneinander 2 Meter Abstand halten, wir dürfen nicht singen, uns nicht die Hand geben oder umarmen, wir müssen die Hände vorher desinfizieren, beim Reinlaufen eine Maske tragen, wir dürfen nur ca. 30 Minuten miteinander feiern, kein Abendmahl halten, die Emporen nicht benutzen und müssen hinterher die Kirche komplett reinigen und lüften. Das ist nicht das, was wir normalerweise unter einem Gottesdienst verstehen. Ganz sicher nicht! Aber: Es ist wieder ein bescheidener Anfang, auf den ich mich freue!

Ich verstehe gut, dass viele noch vorsichtig sein wollen und sich erst mal nicht vorstellen können, am Sonntagmorgen zu kommen. Darum werden wir auch weiterhin die Gottesdienste ins Internet stellen und die Möglichkeit geben, sie über die kostenlose Telefonnummer (Tel. 07631-  97 73 003) zu hören. Vermutlich kommen deswegen erst mal nur relativ Wenige in der Kirche, sodass wir vorerst, anders als andere Gemeinden, auch auf eine Anmeldung zum Kirchenbesuch verzichten. Wir erwarten aber, dass es nun immer wieder neue Veränderungen geben wird und wir uns darum immer wieder neu den Gegebenheiten anpassen müssen. Lassen wir uns überraschen und befehlen auch das unserem Gott in die Hände!

Ich jedenfalls freu mich, wenn ich nach und nach Euch alle wieder einmal begrüßen kann – halt vorerst noch ohne Euch zu drücken….